23
Dez
2011

Vom Sein

Der Regionalexpress tutet laut vor der nächsten Kurve. Ich genieße die Zugfahrt ins Gebirge.
Die Fahrgeräusche hören sich mit ein bisschen Phantasie, nach dem Stampfen einer alten Dampflok an. (Der Zug fährt aber mit Benzin).
Schnee, Reste hier und da, weiße Flecken an den Hängen.
Ich steige aus, schultere den Rucksack und lasse den Bahnhof zur Linken zurück, begebe mich quer durch die Stadt Richtung Feldberg.
Als ich auf dem Wanderweg bin, im feuchten schweren Kiefernduft, weiß ich nicht, ob ich nur existiere oder bin. Wassertröpfchen, zieren die grünen Nadeln wie Glitzersteinchen.
Die Luft hält eine nasse Last in unsichtbaren Beuteln, aus denen es ab und zu nieselt.
Ich atme durch und gehe bergan. Fort vom Lärm der Stadt will ich zu mir wandern.
©GJ20111223

21
Dez
2011

Weihnachtsfriede

Weit und breit ist kein Frieden zu finden. Falsche Freunde kündigen dir die „Freundschaft“ Aus der Schusslinie hast du dich genommen. Verschwommen dein Erinnern an Sinnhaftigkeit … wie fröhlich ist doch die Weihnachtszeit!
Dramatisch, wie sich manche im Wechsel bescheren. Warum gibt es eigentlich kein Volksaufbegehren gegen Weihnachtsstress und Gefühlsduselei? Romantik hat Hochkonjunktur, genau wie die Single-Kneipen, in denen der Wein noch schaler schmeckt als das Leben.

Auf einer Insel mittendrin, hast du es warm, dein Leben ist schön und für dich hat es Sinn.
Gespendet hast du, wie alle Jahre wieder, ohne Kirchenlieder singen zu müssen, per Überweisung an „Brot für die Welt“. So streichelst du deine Seele, dein Helfersyndrom, als ginge es um nichts weiter, als bloß ums Geld.
Du findest deine Weihnachtsnische, spielst bibelfest den Verkündigungsengel im Seniorenheim. Niemand, der nicht zu Tränen gerührt, von der Zeit die du den Alten schenkst, deines vollen Terminkalenders zum Trotz. Danach gehst du in deine Wohnung und duschst als könnest du allen Schmutz abwaschen. Dann zündest du die Kerzen in den Desingner-Ständern an, hörst Händel und Bach und dennoch, alles so dunkel, kalt und still.

©GJ20111221

20
Dez
2011

stadtspaziergang

... ein alter Text ..., der heute zu mir "sprach".

winterstumme wege im nahen park
schwarze bäume am see
enten im wackelgang auf dem eis
eine möwe protestiert

menschen
frostgemeißelt ihre mienen
hinter hochgestellten krägen
eilen ins warme zurück

am theater
unterm denkmal des dichters
kreist bei den punks
eine thermoskanne

in der alten kirche
beobachten wir unsere atemwolken
die im halbdunkel stehen bleiben
und das zittern der kerzenflammen

aus der herzschlagstille
zieht deine hand mich richtung café
heiße schokolade schmelz auf der zunge

©GJ2004/2008

19
Dez
2011

und doch

prismenstreifen steigen und fallen
opal-irisierend in den see
du tauchst ein ins strahlen
noch ist lichtzeit
dunkel und nirwana
halten indes die netze bereit


©GJ20111218

17
Dez
2011

Besen, Besen ...

Scheint mancher Reim auch noch so schlau,
als stehle er Goethe tatsächlich die Schau
So stellt man fest, beim zweiten Lesen,
„Besen, Besen sei‘s gewesen“,
das meiste ward zu allermeist schon mal geschrieben,
von Herz und Schmerz, von Liebe und von Hieben. ;-)

©GJ20111205

16
Dez
2011

Genießen

"Daß uns eine Sache fehlt, sollte uns nicht davon abhalten, alles andere zu genießen."

von Jane Austen, die am 16. Dezember 1775 geboren wurde.

10
Dez
2011

s(ch)ichtweise

als sei ich in einer anatomiestunde
3d -software für das sichtbarmachen
der übereinander liegenden schichten
des menschlichen körpers sowie
der inneren organe gab es noch nicht
profiler arbeiteten früher auch so ähnlich

lege ich in sekundenschnelle
fiktionlale folien übereinander
schiebe sie kreisförmig hin und her
darüber darunter
tausche sie aus
nähere mich dem charakter
deines gesichts
immer schneller
immer mehr an
so fremd du bist erkannt
auf die distanz am tanz
deiner gesten deiner mimik
wie viel zeit …

©GJ20111203

8
Dez
2011

Ein warmer Mantel

Die Sonne schickte ein paar zögerliche Strahlen zwischen den hohen Häusern durch. Es war kalt an diesem frühen Dezembermorgen nach der sternklaren Nacht. In der Fußgängerzone herrschte noch Ruhe, ein paar Anlieferfahrzeuge rangierten. Geöffnet hatten nur die Bäckereien, deshalb duftete es nach Frischgebackenem und anheimelnd nach Kaffee. Langsam ging sie, auf der etwas ansteigenden Geschäftsstraße rechts, entlang der Schaufenster. Die Jacke, die sie trug hatte vor Jahren gewärmt, der Stoff war mittlerweile dünn geworden. Neue Winterschuhe würde sie ebenfalls brauchen, sollte der Frost anhalten und Schnee dazukommen. Das Kaufhaus machte wie die meisten anderen Läden nicht vor neun Uhr, manche sogar erst um zehn Uhr auf. Sie hatte keine Eile und sah sich in Ruhe die Auslagen an, um sich ein Bild zu machen, von den Dingen die es gab und was sie kosteten. Sie musste rechnen, mit jedem Euro und wollte feststellen, ob das Geld, das sie sich über Monate abgeknapst hatte, überhaupt reichen würde, eine Jacke und Schuhe zu kaufen. Es waren die schönen, kostbaren Dinge, die sie magisch anzogen. Auch die Weihnachtsdekoration gefiel ihr.
Natürlich konnte sie sich keinen himmlisch leichten, weichen Cashmere-Mantel leisten. Die Zeiten waren lange vorüber, aber bewundern, sich vorstellen wie es sich anfühlt ihn anzuprobieren, das war auch ein feines Gefühl. Für einen kurzen Moment sah sich in der Schaufensterscheibe in diesen Mantel gehüllt, den sie so eingehend betrachtete. Aber der Betrag, den sie hätte dafür ausgeben müssen überstieg bei weitem ihre Ersparnisse. Aber wenn das Geschäft geöffnet hatte, könnte sie ihn später vielleicht doch einmal … sie verwarf den Gedanken. Zurück in die Realität, sagte sie zu sich. Sie setzte sich in Bewegung und blieb wenige Schritte weiter, fasziniert von den Auslagen des Juweliergeschäftes stehen. Sie ließ sich gern ablenken von den gelungenen Kreationen, die sie wie Kunstwerke in Museen betrachten konnte. Es waren erlesene Goldschmiedearbeiten, die die Steine sehr individuell zur Geltung brachten. Das konnte sie beurteilen, denn in ihrer Familie hatte Schmuck eine lange Tradition. Ein einziges Erbstück, ein großer Brillant, den sie noch nicht verkauft hatte, trug sie fast nie. Es passte nicht mehr zu ihr. Sie verweilte und schwelgte in den satten Farben eines tiefblauen Saphirs.
Dann entschied sie sich einen Kaffee zu trinken. Dieser wärmte sie bis in die Fußsohlen, der dünnen Stiefel zum Trotz.
Neben dem Juwelier lag ein Schreibwarengeschäft. Wunderschöne Stifte, denen sie ansehen konnte, dass sie gut in der Hand lägen. So, wie der alte Sterlingsilber-Kugelschreiber, den sie von ihrem Vater geerbt hatte und den sie hütete als kostbaren Schatz. Alles war weihnachtlich geschmückt und zwischen all diesen Stiften, Füllhaltern und Etuis lagen Karten mit altmodischen Motiven. Die Abbildungen zeigten Kinder mit pelzverbrämten Mützen und Muffs beim Schlittschuhlaufen oder Schlittenfahren. Trotz roter Nasen sahen sie glücklich aus und keinesfalls so, als ob sie frieren würden. Sie schrieb schon lange keine Weihnachtspostkarten mehr. Ein paar Schritte weiter war das Schuhgeschäft mit preiswerten Schuhen. Sie erschrak trotzdem. Wie lange war es bloß her, dass sie die Stiefel, die sie trug gekauft hatte? Offensichtlich hatte sie nicht mitbekommen, wie die Preise davon galoppiert waren in den letzten Jahren, oder im Jahrzehnt.
Eigentlich - sprach sie vor sich hin - waren die alten Stiefel doch noch ganz gut. Frische Absätze im letzten Winter und wenn sie jetzt ein paar dicke Einlegesohlen kaufen würde, ginge es bestimmt noch eine weitere Saison. Ja, das war eine gute Idee, dann blieb reichlich Geld für einen warmen Mantel.
Die Geschäfte öffneten nach und nach und so langsam belebte sich die Straße. Erste Melodien von Straßenmusikanten drangen an ihr Ohr. Wie schön dachte sie und ging in die Richtung, aus der die Töne ihr Ohr erreichten. Wie verzaubert lauschte sie und applaudierte heftig, als die Musiker, das erste Stück zu Ende gespielt hatten. Es waren alte Filmmelodien, keine sentimentalen Weihnachtslieder. Sie bleib für vier oder waren es fünf der Musikstücke stehen und lächelte andere fremde Menschen an.
Der Entschluss, keine Stiefel zu kaufen hatte einen Vorteil. Sie konnte den Musikern, die ziemlich …, jedenfalls ärmer als sie selbst aussahen, ruhig einen kleinen Schein zustecken.
Es war eine Freude in ihr, die nur ihr allein gehörte. Sie brauchte im Grunde wenig um sich zu freuen. Und die Traurigkeit war ohnehin ein alter schwarzer Hund, der gern hinterm Ofen schlief.

©GJ20111201
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