14
Nov
2011

Auf dem Hof

Sanft angestubst,
schaukelte die Schweinehälfte
an dem Holzgerüst.
Berührungsängste kannte ich nicht.

Wurde geschlachtet,
gab es frische Wurstsuppe
und für mich einen Luftballon.

Später als ich herausfand,
woraus der Ballon* gefertigt wurde,
mochte ich Suppe und Wurst nicht mehr.

(*Schweinsblase)
©GJ20111113

12
Nov
2011

Fragementarisch

Die Sonne wärmt nur noch den Rücken
Vor, über und unter uns verdunsten die Meere,
schmelzen die Gletscher,
zermahlen sich Sterne zu Staub
und versteinern die Mienen.

Wir stehen schon knöcheltief in dieser Schicht.
Heben die Füße beim Gehen,
bürsten unsere Hosensäume aus.
An das Ozonloch denken wir dabei nicht.

©GJ20111112

31
Okt
2011

Frankfurt Marathon 1995

Die wöchentliche schnelle Trainingseinheit auf der Bahn, ein langer Lauf bis zu drei Stunden, die Woche, dazu mehrfache einstündige Einheiten, diese Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Ob es reichen würde, die 42.195 km durchzustehn? Einigermaßen gut ankommen wollte sie. Die Zeitmarke, die sich gesetzt hatte, bedeutete nur, dass sie wusste, mit jeder Minute, die sie länger als viereinhalb Stunden unterwegs wäre, würde unermesslich anstrengend, ja wahrscheinlich nur noch quälend sein. Das wollte sie vermeiden. Jetzt ging sie als letzte über die Startlinie, gebremst von ihrem Mann, der ein erfahrener Läufer war und sie begleiten würde. Langsam löste sich die Spannung und sie kam in Tritt.

Sie wusste, dass sie sich auf den Laufrhythmus einlassen musste. Sätze wie, „Einen Marathon läuft man im Kopf“, „Du musst es wollen“, Zweifel machen dich schlapp“, waren im Vorfeld motivierend. Jetzt kam es auf sie selbst an. Und sie wollte. Seit sie vor zwei Jahren mit dem Laufen begonnen hatte, war dieses ihr Ziel. Einmal, wenigstens einmal im Leben einen Marathon zu laufen. Nun war sie mittendrin in diesem Abenteuer.
Es lief rund. Aber ihr war klar, wenn sie über die Dreistundenmarke hinaus war, so etwa bei km 32, erst dann begann das, was für Volksläufer den Marathon ausmacht.

27
Okt
2011

Septemberhimmel

Tiefblau und kein Lüftchen.
Die Fahnen hängen schlaff
am Memorial für die Opfer.
Jane kennt den Ort nicht,
an dem ihre Tochter mit
tausenden Menschen,
Stahlträgern, Flugzeugteilen,
Metall und Kunststoff verschmolz.
Es gibt nur zwei Löcher kein Grab.
Die Trauer bleibt ein Ungeheuer.
Seit damals hat sie Angst vorm Fliegen.

Tiefblau und kein Lüftchen.
Im Basar ist es still am Mittag,
wenn sie durch die Gassen geht.
Jasmin achtet auf Geräusche.
Aus Furcht vor einem Attentat.
Sie kennt den Ort nicht,
wo ihre Eltern nach dem
Massaker verscharrt wurden.
Kein Begräbnis, aber Angst vor
Feinden aus eigenen Reihen
verfolgt sie auf Schritt und Tritt.

©GJ20111026
(Angeregt durch Thomas Lehrs Roman „September oder Fata Morgana“

25
Okt
2011

Herbstzeit

Das goldne Laub entflammt nicht mehr,
schenkt bloß für einen Augenblick
Erinnerung an Maiengrün,
an Kühnheit die uns eigen.

Wir dachten wenig, wagten viel,
doch lässt sich nicht verschweigen,
dass wir vergehen in der Zeit.
Sie ist es, die stets war und bleibt.


©GJ20111022

20
Okt
2011

Keine Empfehlung

Heute Nachmittag habe ich auf einem Cafétisch ein Werbeblättchen von GU (Gräfe und Unzer) liegen sehen, und aus Langweile beim Cappuccino, in das vom Verlag betitelte „Magazin“, Weihnachtsausgabe 2011, geschaut.
Nicht genug, dass es mir absurd erscheint, gefühlte Tausend Kochbücher beworben zu sehen und unter gefühlten Zehntausend Ratgebern einen, der empfiehlt: „Lebe deine Wünsche“. Nein, was mich ungläubig staunen ließ, war folgendes, was ich wörtlich wiedergebe. (Ich habe die wertvolle Weihnachts-Geschenkbuch-Einkaufshilfe nämlich mit nach Hause genommen).

O-Text - mit Einschüben, die ich mir nicht verkneifen konnte.
***
GU Autorin Susanne Saller-Schneider gibt Tipps, wie man Hunde am Heiligabend harmonisch in die Familie einbindet. (Komm: Was, wenn die Familie abhanden gekommen und die Harmonie ebenso? Oder haben nur harmonische Familien einen solchen Hund?)
Für mich ist es selbstverständlich, dass die Tiere mitfeiern. Als Weihnachtsbraten bekommen unsere Hunde das Innenleben (Herz, Leber, Magen) der Weihnachtsgans, angereicht mit Hühnerherzen. (Komm: Vielleicht noch: "An Lachstatar"?) Und zum Nachtisch eine Kugel Eis mit Hundekeks.
Jeder meiner Hunde bekommt ein Päckchen unter den Tannenbaum gelegt. (Komm: Die hat ’se wirklich nicht mehr alle am Christbaum).
In der Verpackung verstecke ich ein oder zwei Leckerlis. Die Hunde reißen dann die Verpackung auf, verspeisen erst die Leckerlis, um dann mit ihrem neuen Spielzeug zu spielen.
Wenn Hunde vor lauter Übermut nach den Christbaumkugeln schnappen, gleich beim ersten Mal „pfui“ oder „nein“ sagen. Schnüffeln ist kein Problem … usw. usf.

***
Mich würde interessieren, wie oft ein solches Buch, es geht um die „Trendrasse“, französische Bulldogge, zum stolzen Preis von 24,99 Euro verkauft wird.
Arme Viecher, fällt mir dazu nur ein, nicht genug, dass sie von Züchtern zur Kurzatmigkeit verdammt sind, jetzt sollen sie auch noch in die (nicht vorhandene) "Harmonie" zu Weihnachten integriert werden. Hallelujah!

18
Okt
2011

Dosenöffner

Heutzutage benötigt man nur noch selten einen Dosenöffner. Dosen haben fast immer einen integrierten Öffnungsmechanismus. Wie nennt man den eigentlich, fragte sie sich beim Kauf einer Dose passierter Tomaten ohne jenen Mechanismus, suchte allerdings nicht ernsthaft nach einer Antwort.
Einen alten Dosenöffner, mit zwei handlichen Griffen und einer großen Flügelschraube besaß sie noch. Als sie diesen zu Hause aus dem hintersten Winkel einer Küchenschublade hervorholte, sah sie, wie verdreckt er dort Jahre unbenutzt gelegen hatte. In Rillen und Fugen der Mechanik saß eine undefinierbare Schicht, die sich, nachdem sie mit einem Zahnstocher zu pulen begonnen hatte, als äußerst hartnäckig und elastisch erwies. Nahrungsmittelreste und winzigster Metallabrieb waren in bräunliches Gummiband verwandelt, das sich um die Rädchen schlang. Eklig war das. Sie dachte an ungezählte Dosen Tomatenmark, Ölsardinen, Thunfisch, Mais, Rote Bohnen, Gewürzgurken, Sauerkraut, Ananas und Aprikosen. Saßen wirklich kleinste Teilchen all jener geöffneten Dosen und deren Inhalts in den Zwischenräumen? Kaum zu glauben. Wie lange hatte sie schon kein Tomatenmark mehr gekauft oder Obstkonserven.
Der Zahnstocher brach schnell ab. Aber jetzt war sie von einer Art Fieber befallen, welches sie antrieb und sie nach dem zweiten, einen dritten, nach dem dritten einen vierten, also immer weitere Zahnstocher aus der Packung nehmen ließ, um den Schmutz zu lösen.
Die Lust es zu tun überwog den Ekel. Und vor ihrem inneren Auge zogen all die Gerichte vorbei, für deren ‚Zubereitung’ vor gefühlten Ewigkeiten ein Dosenöffner notwendig gewesen war: Toast Hawaii, Sauerkraut mit Rippchen, Chili con Carne und Spaghetti Bolognese, ohne die Tortenböden zu vergessen, die mit Früchten aus der Dose belegt worden waren.
Es entstand, während ein Zahnstocher nach dem anderen im Mülleimer landete ein regelrechter Sog in ihr, das Verlangen, diesem Dreck beizukommen. Um sie drehten sich Bilder einer Küche von vor zwanzig Jahren, flüchtige Bewegungen, verwischte Silhouetten um einen gedeckten Tisch, verbunden mit Geräuschen von klirrendem Besteck und Geschirr. Stimmen, die auf sie einredeten. Jeder wollte etwas von ihr. Der eine mehr Sauce, der andere noch Nudeln und wieder ein dritter ein Glas Wein. Sie sah sich rennen zwischen Esstisch und Küche. Sprachfetzen schwirrten an ihren Ohren vorbei. Dann Stühlerücken, die Szene endete und die Körper schwebten fort, gleich Gespenstern in Geistergeschichten. Sie sah sich allein in einer Küche mit Bergen von Geschirr.
Und immer noch pulte sie den Schmutz aus dem Dosenöffner.

12
Okt
2011

Nicht das Grau

Das Grau, war es anders als in den Jahren die hinter mir liegen?
Das Grau sah grauer aus, ich empfand es intensiver und bedrückender.
Es hatte denselben Ton, die gleiche Dichte und Temperatur.
Also war das Grau nicht anders.
Nicht das Grau.



11.10.2011


Der Flötenspieler vor der Buchhandlung spielte die Arie der Königin der Nacht aus der Zauberflöte. Die Bratschenmusik kam passend vom Band. Die Töne perlten. Sphärenklänge erreichten mich. Für Minuten blieb ich in der Schwebe.
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